Herz auf Holzpfahl

Wieder einmal auf die Uhr geschaut, wieder mal 4 Uhr am Morgen und wieder mal hält mich nichts mehr im Bett. Meine Gedanken lassen mich nicht mehr ruhen und so steh ich denn auf. Im Bad angekommen, scheint es heute Morgen fast so, als würde mein Spiegelbild mir ein mitleidiges Lächeln entgegen werfen und nicht andersrum.

Das kalte Wasser ist mir heute auch irgendwie zu kalt und ich gönne mir heute zur Feier meiner schlaflosen Stunden ein wenig lauwarmes Wasser. Das kalte Wasser würde mich sowieso nur wach machen. Aber das war ich ja schon längst *lächel*

Mein weiterer Weg, erstaunlich, aber jeden Morgen aufs Neue wahr, ist der in die Küche. Kaffeeautomat an, 2 Tablettchen, die ich nicht mag, jedoch mein Körper wohl braucht, signalisierte er meiner Hausärztin zumindest. Die Schilddrüse, die meinen Körper beherrscht produziert ein wenig zu wenig und mein Blut fährt teilweise mit „Achterbahn- Geschwindigkeit“ durch meine Adern. Also ganz harmlose, na aber zumindest normale Dinger, die ich da am Morgen nehmen muss und sollte. So klein allerdings, wie die Dinger da sind, so gefährlich scheinen sie aber auch zu sein. Zumindest, wenn ich meinen Schluckreflex nach seiner Meinung frage. Ich kann tun und machen, was ich will, kann mich auf den Kopf stellen und mit den Beinen strampeln. Kann schimpfen wie ein Kakadu. Ich bekomm die Mini- Tablettchen einfach nicht in mich hinein. Mein Hals macht zu und meine Sinne schalten alle Sirenen an auf „ Feind in Sicht“. Komisch ist das, nicht wahr?

Aber ich verrate euch etwas und hoffe, dass mein Inneres Alarm- System nun nicht mitliest … Die Mini- Tabletten verstecke ich in einem Löffel Joghurt und der rutscht dann irgendwie von selbst durch die Security- Lichtschranke meines Halses und verrichten ihren Dienst in meinen inneren und abgründigen Tiefen. Mein lieber Körper hat nun seinen Frieden und meine Hausärztin ihre Ruhe vor meinem Jammern *lächel*

Während des Schreibens hier, fällt mir ein, ich stehe immer noch in der Küche, zumindest hier in dieser Erzählung. Dann schaue ich nach oben und staune wieder mal, was ich alles schon geschrieben habe und erzählerisch noch nicht wirklich vorangekommen bin. Ich glaube, ich sollte Bücher schreiben. Bücher mit vielen Seiten, die Seiten füllen sich mit meinen Wörtern, wie von selbst. Ob diese, meine Wörter nun Sinn machen,  könnt nur ihr als Leser entscheiden. Wenn aber mein Buch eure Sinne erreicht und vielleicht dann hin und wieder euren Mund mit einem Lächeln belegt. Dann, ja dann habe ich mein Ziel und meinen kleinen Traum vom großen Glück erreicht und ich freu mich, wie die Königin von Saba, als sie vom sagenhaften Reichtum von  König Salomon erfuhr und darauf nach Jerusalem reiste um ihm zu begegnen.

So! Nun aber wieder in die Wirklichkeit und wieder an meine Geschichte, damit der Titel meiner heutigen Erzählung nicht nur Lückenworte bleiben, die ohne Sinn und Verstand und nur zur Belustigung dort stehen. Also zackig meine gefüllte Kaffeetasse der Brühautomatik entrissen und schnell an meinen Schreibtisch, um los zu legen.

Leiht ihr mir noch einen Moment eure Augen? ❤

Ja? Das ist schön …

Ich kannte da mal eine Frau

Als ich meinen Sohn in die harte Realität, des Selbstständig werden, entließ, haben wir beide, mein Sascha und ich ganz schön darunter gelitten. Doch für beide war es besser und jetzt im Nachhinein und nach mittlerweile 4 Jahren auch der einzig richtige Schritt. Sascha mit seiner Behinderung wäre nie vom Klebstoff meiner Gluckenschürze weg gekommen, wenn er die räumliche Distanz nicht von mir geschaffen hätte. Ich habe es eher in die Wege geleitet, da mir klar wurde, dass ich nicht ständig auf ihn aufpassen kann und habe ihn durch mein Gluckengehabe nur gehemmt auf seinem Weg ins „Erwachsensein“, zumindest soweit ihn sein Handicap erwachsen werden lässt.

Aber er soll, muss und möchte sich auch entwickeln, denn ich werde nicht ewig an seiner Seite sein können. Dadurch, dass er diese Unsicherheiten, die ich ihm zum Teil aufgebürdet habe durch meine Unsicherheiten, ihn kaum mal alleine über die Straße laufen lassen wollte und am Fenster hing, wenn er gegenüber mal zum Bäcker ging, um Brötchen zu holen … hat er nun ganz schön Arbeit, diese Unsicherheiten abzulegen und sein Selbstvertrauen zu stärken. Mittlerweile schafft er es auch immer besser und ich schaue mit Zuversicht in die Zukunft, dass noch ganz viel Positives dabei herauskommt.

Er ist dann vor 4 Jahren in ein betreutes Wohnhaus gezogen, ganz in der Nähe, so dass ich ihn jederzeit besuchen konnte. Er hat sich auch relativ schnell eingelebt und war froh, dass ich so schnell greifbar war, wenn er meine Hilfe oder Zuspruch brauchte. Dieses Wohnhaus hatte Platz für etwa zwanzig oder weniger Bewohner mit den unterschiedlichsten Handicaps und Pflegebedarf geboten. Sascha wohnte in der zweiten Etage mit drei weiteren männlichen Bewohnern zusammen, hatte sein eigenes Zimmer, und teilte sich mit den anderen dreien einen Küchen- Wohnraum und zwei Badezimmer. Betreuungskräfte waren rund um die Uhr im Haus und jeder hatte für sich dann noch einen bestimmten Bezugsbetreuer, der sie bei den täglichen Aufgaben begleitete und half neue Ziele zu stecken auf dem Weg in die Selbstständigkeit.

Sascha hat sich immer ganz besonders gefreut, wenn der Bezugsbetreuer ein junges Mädel war. Ein junger Mann halt, der sich gleich Chancen ausrechnete, ob das nicht nun die heißersehnte und langerwartete Frau an seiner Seite wäre, mit der er sein Leben verbringen könnte. Das Alter und Aussehen waren letztendlich nicht so ausschlaggebend. „Der Charakter muss stimmen. Alles andere zählt nicht“ sagt Sascha heute noch und ihm glaube ich als einem der Wenigen, dass er es auch wirklich so meint. Wenn das Mädel dann noch einen Freund hat, ist auch fast egal. Er hat ja Zeit und wartet auch gerne, bis das Mädchen wieder frei ist und arrangiert sich erst mal nur mit der Freundschaft. So war Sascha schon immer und mit dem Charme, den er wie kaum ein zweiter hat, erlagen ihm die Mädchen und Frauen reihenweise und machte ihr Herz butterweich. Nur mit der festen Freundin und der Liebe hat es nicht so gereicht. Aber auch er wird sein Glück noch finden, da bin ich als Mama  fest überzeugt. Das Mädel, was ihn einmal bekommt, wird sich wie eine Prinzessin auf Erden fühlen.

Nun aber weiter,  … habe mich genug nun in der Schwärmerei um meinen Sohn ergossen. Zumindest für den heutigen Tag *lächel* ❤

Wenn ich Sascha besuchte, gingen wir dann auch oft in den Innenhof des Wohnhauses, der mit Tisch und einigen Stühlen einlud,  sich nieder zu lassen, die Sonne zu genießen und sich zu unterhalten. Fast jedes Mal, wenn wir dann so unten saßen, kam eine Frau dazu, die sich ebenfalls setzte und Unterhaltung suchte, da sie selbst, außer den Besuchen ihrer gerichtlich bestellten Betreuerin so gut, wie keinen Besuch bekam. Sie stellte sich vor und fragte fast jedes Mal die gleichen Fragen: „ Sag mal, wie heißt du noch mal? Ich habe das doch wieder vergessen. Weißt du auch noch, wie ich heiße?“ und „Schau mal, ich war beim Friseur. Die Haare sind wieder richtig schön. Der Friseur hat da auch wieder neue Farbe drauf gemacht. Sieht das nicht gut aus, gefällt dir das?“ „Schätz mal, wie alt ich bin“ und strahlte dabei übers ganze Gesicht, als wäre sie Rumpelstielzchen in Person, welches ums Feuer tanzt und singt:“ Ach, wie gut, dass niemand weiß …“  Dann erwartete sie die Antwort, die dann natürlich immer recht vorsichtig, immer positiv ausfiel, was auch stimmte, denn sie hatte sich für ihr Alter noch recht gut gehalten. „ Ich denke mal, du wirst etwa 54 Jahre sein“ sagte ich dann manchmal und da lachte sie übers ganze Gesicht und sagte:“ Falsch geraten! Stell dir vor, ich bin schon fast 60 Jahre alt! Aber alle schätzen mich jünger, ist das nicht toll?“ „Hast du mal `ne Zigarette für mich? Aber bitte ganz heimlich nur geben und bloß nicht verraten. Die geben mir sonst noch weniger, wenn die mitbekommen, dass du mir schon was gegeben hast. Hast du mal Feuer für mich?“

Das waren so in groben Zügen die Sätze, die bei jedem Besuch in den gut zwei Jahren gesprochen wurden, in denen Sascha in diesem Wohnhaus wohnte. Das Wetter, neue Kleidung und Arztbesuche kamen dann als Gesprächsthema Saison- und Situationsbedingt  hinzu. Als Sascha etwa ein Jahr dort wohnte, gab es ein Gespräch mit der Wohnhausleitung und mir. Ich hatte mich angeboten, mit den Bewohnern, die Lust dazu haben, einen Karaoke- Nachmittag zu veranstalten. Da ich selbst seit vielen Jahren mit meinem Mann musiziere, haben wir auch genügend Equipment für Live- Auftritte, sowie auch die passenden Quellen für Halbplaybacks.

Die Wohnhausleiterin war ganz angetan von der Idee, den Bewohnern diese Freizeit- Aktion anzubieten und so wurde ein Termin vereinbart, der in größerem Rahmen, dem Haupthaus der Institution stattfinden sollte und zwar am Tag der Weihnachtsfeier mit den Bewohnern mehrerer Häuser, die die Organisation betreut. Verwandtschaft und Freunde nahmen ebenso teil.

Gesagt, getan und so wurde der Nachmittag ein voller Erfolg und alle hatten Spaß.  😉

Die Frau aus Saschas Wohnhaus war ebenso mit dabei und sie hatte eindeutig den meisten Spaß. Wollte gar nicht mehr aufhören mit dem Singen, Schlager rauf und runter, mithilfe meines Mitgesangs. Sie blühte richtig auf, klatschte den Takt im Rhythmus und schunkelte, was das Zeug und der Rollator, den sie mittlerweile brauchte, hielt. Noch Wochen- und monatelang zehrte sie davon  und fragte nun bei jedem Besuch: “Heike, wann machen wir noch mal Karaoke? Hoffentlich ganz bald wieder. Das war so schön!“ Ich versprach ihr, sobald wir wieder die Gelegenheit bekommen, wiederholen wir das auf alle Fälle.

Sascha ist vor zwei Jahren in ein anderes, kleineres Wohnhaus mit nur 6 Bewohnern, aber der gleichen Organisation gezogen und ich sah die Frau ein letztes Mal auf dem großen Sommerfest in diesem Jahr, zu dem wir zusammen mit den Mitbewohnern von Sascha und deren Betreuern fuhren. Ich stand an der Kuchentheke in der Cafeteria, als die Frau mit ihrem Rollator hinter mir stand. Drehte mich um und begrüßte sie freudig: „ Na, das ist aber eine tolle Überraschung. Wie geht es dir?“ „ Hallo, wie war dein Name nochmal? Habe ich doch wieder vergessen.“  „Heike heiße ich. Schön, dich hier zu treffen, ich freue mich!“ „ Ach ja, Heike. Stimmt, jetzt fällt es mir wieder ein. Heike wann machen wir denn wieder Karaoke? Das war ja so schön und ich würde doch so gerne wieder mit dir auftreten!“ „ Sehr gerne, das machen wir doch ganz bald wieder! Ich werde das mal mit der Leitung hier besprechen und dann schauen wir mal, ob wir vielleicht wieder zur Weihnachtsfeier hier auftreten, was meinst du?“ „Ja, das wäre schön. Dann fange ich doch mal an und übe dafür.“ „Dann machs mal gut und pass auf dich auf. Wir sehen uns bald wieder, spätestens bei unserer nächsten Karaoke- Veranstaltung.“ „ Ja, das machen wir so“ …

Nun werde ich wohl die Mikrofone und alles andere notwendige für den Auftritt mit in den Himmel nehmen müssen, sofern mich Petrus durch die große Pforte lässt. Dort oben werden wir dann wohl den Engeln unseren Gesang zu ihrer und unserer Unterhaltung und Freude darbieten Die Frau ist einige Wochen nach dem Sommerfest ins Krankenhaus gekommen und ihrem Leiden erlegen. Sie schlief langsam und friedlich ein.

Beachtenswert und auch voller Hochachtung blicke ich ihr nun hinterher. Voller Hochachtung deshalb, weil diese Frau ihr Leben in einer Wiege gefunden hat, die von Beginn an in einer Nervenheilanstalt gestanden hat, da ihre Mutter auch als psychisch Kranke ihr Leben, oder ein Teil davon in dieser Anstalt verbracht hat. Sie hat von Geburt an, nie etwas anderes um sie herum erlebt, hatte so gut wie nie große Perspektiven, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und zu gestalten. Eine Familie zu gründen und all das, was einem warm ums Herz werden lässt und uns einen Sinn im Leben gibt. Ihre Steine waren wie ein Felsmassiv auf ihrem Weg, dass sie weder aus dem Weg räumen, noch daran vorbei ins Licht schauen konnte.

Und doch hat sie ihr Leben gelebt und war mit Begeisterung zufrieden mit dem so Wenigen, was sie hatte.

Ich bin nicht sicher, aber sicherlich wird es wohl auch mit der Adventszeit zu tun haben, dass ich diese besinnlichen Momente des Nachdenkens habe. An die Menschen, die nun von anderen Händen geführt werden und ihren Frieden in sich gefunden haben.

Was ich nun damit sagen möchte, ist folgendes:

Es geht im Leben nicht nur darum, schneller, höher oder weiter zu springen. Sondern eher um die ganz kleinen Dinge, die wirklich das Leben ausmachen. Diese kleinen Freuden erkennen und auch aus ganz wenig viel zu bewirken und kleine Träume wirklich werden lassen. Egal, wie groß unser Lebenspäckchen auch ist. Es sollte uns bewusst werden, dass es Menschen auf dieser Welt gibt, die aus noch viel weniger etwas Schönes daraus machen. Etwas Schönes, welches ein lebenswertes Leben ist, voller Träume und Ziele, die erreichbar sind. Diese Frau, von der ich erzählte, hat noch weniger wie nichts gehabt. Aber sie hat trotzdem Freude in ihr Leben gebracht. Sie hat das Große erreicht, von dem so viele Menschen träumen. Sie hat nicht nur ihr Dasein gefristet, sondern sie hat ihr Leben erlebt, weil sie nur dieses eine hatte.

Nun wünsche ich euch noch einen friedlichen und besinnlichen 2. Advent im Kreise eurer Lieben

Advertisements