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„Die flotte Feder“ ist ein Schreibprojekt, bei der ein jeder mitmachen kann, darf und wo ein jeder Beitrag aufs Herzlichste begrüßt wird. Der erste Satz wird von einem der Teilnehmer vorgegeben und aus diesem Satz bastelt jeder sich seine eigene Kurzgeschichte, die bei der Gründerin des Projekts verlinkt wird. Näheres zum Hergang findet ihr hier: https://toerrichtesweib.wordpress.com/2015/01/31/okay-last-uns-schreiben/?preview=true&preview_id=22792&preview_nonce=065a20dbc4

Mach doch auch mit ❤

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Hier nun mein Beitrag zum Monat Februar 😉

Noch nie erschien ihr ein Tag so wunderbar wie heute

Sie hatte den Winter noch nie gemocht. Nun, da er so langsam seinen Rückzug antrat und die ersten Schneeglöckchen ihre vorwitzigen Köpfchen durch die Puderzuckerdecke steckten, saß sie auf der Bank am Fenster und schaute hinaus. Wie oft hatte sie hier schon  gesessen? Heinrich, ihr Mann, der ihre Hände vor vier Jahren ein letztes Mal  in die seinen nahm und sanft darüber strich, bevor er die Augen für immer schloss, hatte ihr diese kleine gemütliche Sitzbank vor vielen Jahren gekauft und sie ans Fenster gestellt. »Damit du das Lächeln der Schmetterlinge auch nie verpasst, wenn sie sich mit zarten Flügelschlägen auf die Blüten im Garten niederlassen « pflegte er immer zu sagen. Er war ein Mann, ihr Heinrich, ein ganzer Mann mit einer Sensibilität, die man ihm, ohne ihn zu kennen, gar nicht recht zutrauen mochte. Doch bei Elfriede, seiner geliebten Frau wurde er ganz weich und  ließ sie spüren, wie sanft er doch sein konnte.

Es war eine harte Zeit, die Zeit nach seinem Tod. Mehr als einmal hatte sie gewünscht, gehofft und gebetet, sie könne ihm in die andere Welt folgen, könnte bei ihm sein. Doch ihre Gebete blieben bis jetzt ungehört. Mit der Zeit hat Elfriede sich mit der noch verschlossenen Türe arrangiert und lebte ihr Leben alleine, beschäftigte sich mit alten und neuen Hobbys. Ihren Garten pflegte sie, soweit es ging, noch alleine. Nur hin und wieder bestellte sie den Nachbarsjungen, der ihr für ein kleines Taschengeld den Rasen mähte. Obwohl ein kleines Auto in der Garage stand, machte sie die Einkäufe lieber zu Fuß, sofern ihr das, manchmal schmerzende Knie, nicht den Plan durchkreuzte. Nach vielen Jahren der Enthaltsamkeit strickte, häkelte und nähte sie auch wieder und vertrieb sich so, vor allem in den Wintermonaten, die  Stunden am Tage, bis dass der Mond alles in seine Abendlichtdecke einhüllte und zum Schlafengehen aufforderte.

Viele Freunde hatte sie nicht mehr und die, die noch übrig waren, waren in Pflege- und Altersheimen untergebracht worden von ihren Kindern, selbst unwillig oder aus Zeit- und Platzgründen nicht fähig, sich selbst um die Eltern zu kümmern im Schoße der Familie. Elfriede und Heinrich blieben kinderlos, so sehr sie sich auch Kinder gewünscht hätten. Zu Beginn der Ehe waren beide meist im Ausland unterwegs, um dort zu arbeiten. Als es dann etwas ruhiger im Berufsleben wurde und die Arbeit von Deutschland aus erledigt werden konnte, war es die biologische Uhr, die ihren Dienst an den Nagel hängen wollte. Eine kurze Schwangerschaft mit der Folge einer Fehlgeburt, beendete den Wunsch nach einem Kind jäh und schmerzvoll. Nach Monaten depressiver Phasen fügte man sich seinem Schicksal und nahm es hin. Man hatte ja noch sich und war zu zweit allein. Vieles ist einfacher zu ertragen, wenn man sich den Schmerz teilen kann.

Morgen nun war es wieder soweit. Da ging Elfriede, wie jede Woche samstags zum Friedhof, um Heinrich zu besuchen um ihm zu erzählen, wie sie die vergangenen Tage verbracht hat und wie sehr er doch immer noch fehlt. Sie hatte bereits den Korb mit den Utensilien für die Grabpflege vor die Türe gestellt. Gleich morgen nach dem Frühstück wollte sie sich auf den Weg machen.

Elfriede erhob sich von ihrer Sitzbank und holte die kleine Haushaltsleiter. Die Fenster wollte sie unbedingt heute noch putzen und die Gardinen gleich in die Waschmaschine stecken, damit alles wieder sauber ist zum Wochenende. In letzter Zeit war sie immer ein wenig unsicher, wenn sie auf die dreistufige Leiter stieg und auch heute war es auch so. »Vielleicht sollte ich den Nachbarsjungen fragen, ob er mir neben dem Rasenmähen auch die Gardinen von den Fenstern ab- und wieder aufhängen könnte? Besser wäre es wohl, bevor ich von der Leiter fliege und mich verletze oder gar noch die Knochen breche« dachte sie so bei sich. »Beim nächsten Mal bestimmt« nahm Elfriede sich fest vor. Endlich geschafft und die  Waschmaschine durchbrach mit ihren monotonen und doch angenehmen Drehgeräuschen die Stille im Haus. Die Fenster strahlten wieder in neuem Glanz und warteten nur noch auf ihr strahlend weißes Kleid, welches nur noch den Schleudergang der Maschine überdauern musste, um sie wieder zu schmücken.

Elfriede mochte den Duft im Haus von frisch gewaschenen Gardinen und den Blick aus den frisch geputzten Fenstern. Sie holte die Wäsche aus der Waschmaschine und legte sie in den davor stehenden Korb. Nun wieder die Leiter am Fenster aufgestellt, die Gardine halb über die Schulter gelegt und die drei Stufen hochgestiegen. Schon wieder machte sich diese Unsicherheit in Elfriedes Beinen und Kopf breit. Im letzten Moment versuchte sie noch, sich am Fenstergriff festzuhalten, verfehlte ihn jedoch, stürzte, schlug mit dem Hinterkopf noch auf die Tischkante, bevor ihr Körper unsanft auf dem Fliesenboden landete.

Nach gefühlten Ewigkeiten öffnet sie die Augen. Sie spürt keinen Schmerz und ihr ist so leicht zumute. Eine Leichtigkeit, die sie so lange nicht mehr erlebt hat. Sie setzt sich auf und streicht ihre Haare zurecht und die Locke aus dem Gesicht, die während dem Sturz ihre Augen bedeckte. Langsam steht sie auf und geht vorsichtig zu ihrer Sitzbank ans Fenster. »Erst einmal kurz ausruhen und prüfen, ob sich noch alle Körperteile an den richtigen Stellen befinden« denkt sie bei sich und setzt sich hin. »Noch einmal steige ich besser nicht auf die Leiter und rufe gleich bei der Nachbarin an, damit sie oder ihr Sohn mir bei den Gardinen helfen kann. Aber erst später« denkt Elfriede bei sich und schaut aus dem Fenster. Was sie dort erblickt, kann sie zunächst gar nicht fassen.

 Heute Morgen, hat sie da nicht noch die Schneeglöckchen erblickt, die sich ihren Weg durch die dünne weiße Decke gebahnt haben? Nun ist alles grün und die Blumen blühen um die Wette! »Das kann doch gar nicht sein! Ich träume bestimmt« flüstert sie zu sich selbst. Noch während sie aus dem Fenster schaut, erblickt sie einen wunderschönen Schmetterling, der sich auf die tollste Rose im Garten niederlässt und dort in andächtiger Pose verharrt. Die Sonne taucht ihn in ein warmes Licht und lässt seine Farben noch schöner strahlen und es scheint fast so, als lächle er wissend um seine prachtvolle Erscheinung. In diese anmutige Stille hinein, knarrt plötzlich das Gartentor und ein Besucher betritt den schmalen Gehweg, der zur Hintertür führt. Elfriede schaut genauer. »Wer mag das denn nun sein? Ein Besuch war doch für heute gar nicht angekündigt? « denkt sie noch, bevor sie ungläubig erstarrt. »Heinrich? Nein, oder? Das kann doch gar nicht sein! Nie und nimmer kann das wahr sein! « So schnell, wie noch nie sprang Elfriede auf, lief zur Türe und riss sie auf. »Tatsächlich! Du bist es« flüstert sie unter freudentränenden Augen. Heinrich kam auf sie zu und streckte ihr beide Hände entgegen und zog sie in seine Arme. »Lass mich nie wieder alleine, ja? Versprichst du mir das? Das darfst du nie wieder tun! « sprach sie mit tränenerstickter Stimme. »Ich werde dich nie wieder alleine lassen, versprochen! « sagte Heinrich und hielt sie fest in seinen Armen »Nie wieder werde ich das tun!  Nie erschien ihr ein Tag so wunderbar wie der heutige Tag. »Das Leben meint es doch wirklich gut mit mir« dachte Elfriede und schmiegte sich noch tiefer in Heinrichs Arme.

 

Tage später war in der Tageszeitung des kleinen Ortes zu lesen:

»Die meisten Unfälle passieren im Haushalt« … Und schon wieder verunglückte eine alleinstehende Frau beim Aufhängen der Gardinen tödlich. Die Trauerfeier mit anschließender Beisetzung der Urne findet um 15 Uhr kommende Woche in unserer kleinen Friedhofskapelle statt.

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